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Der Preis der Freiheit

Der Preis der Freiheit

Sie waren 83 Gänse. Eigentlich viel zu viele für eine kleine nackte Wiese. Aber diese Wiese war von einem hohen Zaun umgeben, was also blieb den armen Gänsen übrig, als sich in ihr Schicksal zu ergeben? Außerdem, so erklärte Bertram, der weiseste der Gänseriche ihnen immer wieder, sei alles eine Sache der Anschauung. „Der Himmel über uns ist offen“, sprach er immer wieder. „Seht nach oben und ihr seid frei!“

Doch es gab unter den Gänsen einige, die weder Bertram glaubten noch an die alten Legenden von der goldenen Gans, die einst kommen und sie erlösen werde. „Die goldene Gans ist lediglich ein Märchen“, schnatterte Viktor, ein Gänserich, der in einem schön gesprenkelten Ei geboren war und sich deshalb für ausersehen hielt, die Gänseschar in die Freiheit zu führen.

So teilte sich die Menge der Gänse in die Gefolgschaft Bertrams und die Gänse der Viktoranhänger. „Wir brauchen eine Massenbewegung“, erklärte dieser allen Gänsen, die ihm zuhören wollten.  „Mit der schieren Masse unserer Leiber können wir den Zaun niederdrücken und sind frei!“ Das klang sehr einfach, aber wie so oft ist der Weg in die Freiheit schwieriger als es sich die begeisterte Menge vorstellt.  Hier waren es immerhin 12 Gänse, die sich gemeinsam auf den Weg machten, den Zaun niederzuwalzen. Doch da Gänse ja stets gewöhnt sind, hintereinander zu laufen, was das ein äußerst schwieriges Unterfangen. Alte Gewohnheiten stehen der Freiheit sehr im Wege. Wie die Gänse auch schoben und drückten, der Zaun wollte nicht weichen. „Gemeinsam sind wir stark“, rief Viktor ein ums andere Mal, doch immer wieder reihten sich einige Gänse hinter den anderen ein.  Nach dem fünften Versuch war die Anhängerschaft der Freiheitssuchenden auf ganze sechs Gänse geschrumpft. Nichts ist für den Freiheitswillen schädlicher als vergebliche Befreiungsversuche!

Schließlich versammelte Viktor seine getreue Schar um sich und sagte: „So schaffen wir es nicht. Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen fliegen!“ Das führte zu erregten Diskussionen und leider auch dazu, dass zwei ältere, ziemlich korpulente Gänseriche leise kopfschüttelnd die revolutionäre Bewegung verließen. Merke: Korpulenz ist im Allgemeinen freiheitshindernd.  Die restlichen Gänse aber begannen sogleich mit ihren Flugübungen.  Tatsächlich gelangen ihnen Hüpfer von beachtlicher Höhe, was die anderen Gänse in nicht geringes Geschnatter ausbrechen ließ. Bertram verbat sich diese obszönen Körperbewegungen, doch Viktor setzte sie fort, bis es ihm tatsächlich gelang, mit einem kühnen Satz auf die andere Seite des Zaunes zu gelangen.  Zwei Gänse namens Artur und  Elvira waren davon so angetan, dass sie es ihm gleichtaten. Nur der vierte Gänserich,  Bruno,  scheiterte auch beim fünften Versuch an der Zaunhöhe. Aber immerhin, er konnte bis an sein Lebensende behaupten, seinen Einsatz geleistet zu haben. „Ich war ein echter Revolutionär!“, sagte er später jedem, der es hören wollte und auch einigen, die das nicht hören wollten.

Bertram aber versammelte die restlichen Gänse auf der Wiese und hielt eine Ansprache. „Wir haben einem gänseunwürdigen Treiben zusehen müssen“, sagte er. „Es ist uns bestimmt, auf dieser Wiese zu leben und nirgendwo anders. Seid glücklich! Seht in den Himmel und genießt eure Freiheit!“

„Eure Freiheit wird im Kochtopf enden!“, rief Viktor von draußen. Er wusste zwar nicht, was ein Kochtopf ist, doch er dachte, das müsse ein ziemlich dunkles Schicksal sein.

„Glaubt ihm kein Wort!“, entgegnete Bertram. „Wir warten auf die goldene Gans, die die Guten unter uns in das weite Blau des Himmels führen wird!“  Die Gänse um ihn her schnatterten beipflichtend, Viktor und seine Getreuen aber entfernten sich kopfschüttelnd. Wer keine freie Gans sein kann, erklärt seine kleine umzäunte Wiese zum freiesten Ort der Welt. 

Bald nach ihrem Aufbruch standen die Drei vor einem schnell fließenden Bach und sahen auf das treibende Wasser hinunter. Artur trat an den Rand des steilen Ufers und fragte: „Können wir Gänse eigentlich schwimmen?“ Viktor schüttelte den Kopf und Elvira schnatterte: „Das ist das Ende!“

Ob Artur es probieren wollte oder ob er nur unvorsichtig war, ist nicht berichtet. Jedenfalls rutsche er plötzlich die steile Böschung hinunter und landete mit einem kreischenden Schnattern im Wasser. Dort machte er eine Entdeckung: Er konnte tatsächlich schwimmen!  Große Entdeckungen werden eben manchmal per Zufall gemacht.

Die beiden anderen sahen ihm interessiert zu, wie er zum anderen Ufer schwamm.  Doch weil dessen Böschung genauso steil war wie die, die er heruntergerutscht war, gelang es Artur nicht, Fuß zu fassen. Bald verschwand er um die nächste Biegung und ward nicht mehr gesehen. „Das ist der Preis der Freiheit“, murmelte Viktor, womit er sicherlich Recht hatte.  Später hieß es gerüchteweise,  Artur sei bis zu einer Siedlung ausländischer Menschen geschwommen. Das war sein persönliches Pech, denn diese Menschen wussten, was man mit allzu freiheitsliebenden Gänsen anfängt. Hätte er stattdessen eine deutsche Reihenhaussiedlung erreicht, wäre er sogar in die Zeitung gekommen. So kam er nur in eine Bratröhre.

Vitor und Elvira aber entdeckten wenig später eine Brücke, die über den Bach führte. Der Weg schlängelte sich bis zu einem Waldrand. „Dort“, sagte Viktor und zeigte mit seinem Schnabel auf den Wald. „Dort liegt das Land der Freiheit, dort sind wir sicher.“ Mit dem ersten Teil hatte er durchaus recht, der zweite sollte sich als zweifelhaft erweisen.

„Meine Füße tun aber weh!“, protestierte Elvira.  „Du hast nicht gesagt, dass die Freiheit so weh tut!“  „Das ist ja lächerlich“, schnaufte Viktor. „Wehe Füße sind der Preis der Freiheit! Das ist ja das Mindeste.“

Im Wald wurde es schnell dunkel und mit der Dunkelheit kam die Furcht. Und die Furcht ist bekanntermaßen der ärgste Feind der Freiheit.  Sie schmiegten sich zwischen die Wurzeln eines großen Baumes und auch ein wenig aneinander. „Ich will wieder hinter den Zaun!“, jammerte Elvira. Das sagte sie in dieser Nacht ziemlich oft, für Viktor jedenfalls einmal zu oft. Er hatte die Nähe der jungen Gans durchaus genossen, aber ihr Lamento vertrieb ihm jede romantische Anwandlung. Er flatterte auf einen benachbarten Ast und schlief dort auch erfolgreich ein.  Am nächsten Morgen musste er feststellen, dass von Elvira nur noch ein Haufen weißer Federn übrig war. „Der Preis der Freiheit!“, seufzte er.  Die, die die Freiheit überleben, halten diesen Preis für durchaus angemessen, die anderen eher nicht.

Später hieß es, Viktor habe sich einen Schar Wildgänse angeschlossen und sei nach Italien geflogen. Aber ganz sicher ist diese Nachricht nicht.  Wahrscheinlich lebt er immer noch tief im Wald und denkt über den Preis der Freiheit nach. Bertram aber hat bis zu seinem Lebensende – und das lag knapp vor dem Martinitag –  auf die goldene Gans gewartet.

 

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