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Der Beginn

1. Begegnung im Gebirge

 

Die Erde hatte die Wärme der Sonne in sich aufgenommen. Kräuter und Gräser verströmten den geradezu betörenden Duft, der  nur an einem  Sommertag auf den Bergen anzutreffen ist.  Kaum ein Windhauch war zu spüren, still und friedlich hielt das Gebirge seinen Mittagsschlaf.

Auf einer Almwiese hoch über dem Tal lag ein Mädchen. Sie schlief nicht, ihre Augen waren geöffnet und ihr Blick folgte den treibenden Wolken, die der warme Sommerwind gemächlich nach Osten blies. Einige Schafe rupften um sie her an den saftigen Gräsern und eine Ziege sah vom Dach einer kleinen Hütte herab, die sich am Rande der Wiese an einen großen Felsblock lehnte. Das alles war so friedlich wie auf einem etwas zu schön gemalten Bild - und tatsächlich war das Leben des Mädchens bei weitem nicht so schön und friedlich, wie es den Anschein hatte.

Sinah war Hirtin in diesem abgelegenen Teil des Gebirges, verantwortlich für eine große Herde von Schafen und Ziegen. Es waren nicht ihre eigenen Tiere, die sie da bewachte. Sie gehörten Kalan, dem reichen Müller unten im Tal. Sinah selbst war arm, ihre grobe Kleidung verriet das nur zu deutlich. Sie bestand lediglich aus einem einfachen grauen Kittel aus verschlissenem Leinen, der ihr bis zu den Knien reichte. Die nackten Füße steckten in zwei unförmigen Holzpantoffeln, die sie sich vermutlich selbst geschnitzt hatte.

Ihre Hände strichen über den groben Kittel, sie fühlte die Wärme des Stoffes und zugleich den warmen Wind auf ihrem Gesicht.

Diese Stunde war ihre Zeit, niemand würde sie stören, jetzt in der  der größten Hitze würde niemand auf die Idee kommen, auf ihren Berg hinauf zu steigen.

Eine der großen flauschigen Wolken, die langsam vorübersegelten, schien ihr die Gestalt eines großen Baumes anzunehmen, dahinter kamen ein Hund, der auf dem Rücken lag und dann ein kleiner Wacholderbusch. Sie setze sich auf und sah den treibenden Wolken nach. Ob es dort im Osten, jenseits der Berge auch Menschen gab, die das Wolkenspiel kannten? Menschen, die anders sprachen und vielleicht sogar ganz anders aussahen als die Leute unten im Dorf?

Kalans Almwiesen lagen inmitten eines Halbrunds höherer Gipfel, deren höchster im Westen die Lichtspitze war.  Nach Norden hin ging der Blick über das tief eingeschnittene Tal hinaus auf die Hügel und Wälder Aturiens diesseits und jenseits des Glion, des großen Flusses. Dahinter konnte man an klaren Tagen die fernen Gipfel der nördlichen Ringberge erblicken.

 

Sinah blickte zu der kleinen windschiefen Sennhütte hinüber, in der sie  den ganzen langen Sommer verbrachte. Diese Hütte gehörte natürlich auch Kalan, genauso wie die Weiden, der Wald jenseits des Dorfes und die große Mühle, die unten am Dorfeingang stand. Alles gehörte dem reichen Müller. „Wenn ich so reich wäre wie Kalan“, dachte das Mädchen, „dann würde ich allen armen Leuten Geld schenken. Ach nein, dann wäre ich vielleicht auch so raffgierig wie er, so unfreundlich und jähzornig. Und hätte eine Menge Ärger mit anderen Leuten.“ Sie liebte es, so in der Sonne zu sitzen und ihre Gedanken trieben zu lassen, sich Geschichten auszudenken und nach unbekannten Ländern zu reisen.

Nachdem sie auf diese Weise eine ganz angenehme Zeit verbracht hatte, erhob sich das Mädchen widerstrebend und schlenderte zur Hütte hinüber. Es wurde allmählich Zeit, den Melkschemel zu holen und die Ziegen zusammen zu treiben. Denn das war ihre tägliche Aufgabe: Milch, Käse und Schafbutter ins Tal zu liefern und damit den Reichtum des dicken Müllers zu vermehren.

Kurz vor der Hütte drehte sie sich um und sah ins Tal hinab. Tief unten konnte sie zwischen den Bäumen einige kleine Hütten sehen. Nein, Sinah sehnte sich nicht danach, dort unten zwischen den anderen Leuten zu leben.

"Es ist hier tausendmal besser als unten im Tal", dachte sie,  "trotz all der Arbeit, die ich tun muss. Hier redet mir niemand drein und es gibt keinen Kalan, der seine Launen an mir auslässt!“

Einen Moment lang stellte sie sich das rote, aufgedunsene Gesicht des Müllers vor, seine kleinen, zornigen Augen, seine fettigen schwarzen Haare, die immer ins Gesicht hingen.

Ja, Kalan hatte so manche Fehler, und ein entscheidender war, dass er maßlos geizig war. Und darum hatte er Sinah eines Tages aus dem Hause geworfen. Das war vor einigen Jahren geschehen, kurz nachdem Sinah´s Mutter gestorben war. Sinah war damals fünf Jahre alt gewesen, viel zu jung, um allein im Gebirge zu leben. Wahrscheinlich hatte der Müller gehofft, dass sie irgendwohin verschwinden werde, aber den Gefallen hatte sie ihm nicht getan. Nein, sie war bettelnd durchs Tal gelaufen, bis die Leute sich darüber entrüstet und Kalan zur Rede gestellt hatten. Wohl oder übel hatte er sie wieder aufnehmen müssen. Doch sobald sie kräftig genug war, war sie auf die Almen geschickt worden. Ihre einzige Verbindung zur Welt dort unten war Ato, der Sohn des Müllers, der am späten Nachmittag heraufkam und die Milch und den Käse abholte. Manchmal brachte er Brot und ein wenig Gemüse mit nach oben, sicherlich ohne Wissen seines Vaters. Sinah mochte Ato, obwohl oder weil dieser ein sehr schweigsamer Bursche war. Der Junge war zwei Jahre älter als Sinah, und früher hatten sie viel miteinander auf dem Hof  gespielt.

Die kleine Hirtin drehte sich seufzend herum und ergriff einen alten Stock, der an der Hauswand der Hütte lehnte. Doch anstatt damit die Tiere zusammen zu treiben, stütze sie sich auf ihn und blickte weiter ins Tal hinab. Ihre Gedanken waren bei Ato stehen geblieben.

"Wenn ich einmal erwachsen bin, könnte ich Ato heiraten", dachte sie. Für ein mittelloses Mädchen wie sie war das ein ziemlich kühner Gedanke, denn sie war ja so arm wie die Schafe auf ihrer Weide. Sie hatte nur sich selbst, das war ihr ganzer Reichtum. Denn Sinah war ein schönes Mädchen mit einer sehr anmutigen Gestalt, obwohl sie noch nicht einmal vierzehn Sommer zählte. Ihr Gesicht erinnerte ein wenig an die alten Statuen der Göttinnen des Nordlandes, die noch hier und da in Lomira zu finden waren. Ihre Augen waren tief blau, ihre Haut hell mit einer leichten kupfernen Tönung. Alles an ihr passte zueinander, sogar das kleine Mal unter ihrem rechten Auge, das ihr Gesicht ein bisschen geheimnisvoll machte.

Das Mädchen schüttelte plötzlich energisch ihren Kopf, so dass ihre langen goldblonden Haare um sie herum tanzten. "Nein", sagte sie laut, „den will ich nicht. Ich will nicht ewig in Stall und Scheune stehen oder die Mühle drehen! Eher will ich fort, weit weg von hier!" Sie rief das so laut, dass die Schafe auf der Weide sich erstaunt nach ihr umdrehten und die Ziege erschrocken vom Dach sprang.

Plötzlich aber hielt sie inne und kniff die Augen zusammen. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, denn sie hatte eine Gestalt entdeckt, die gemächlich vom Tal heraufkam.

"Wenn man von ihm spricht...“, dachte sie. Doch dies konnte unmöglich Ato sein. So früh am Nachmittag kam er doch nie hier herauf! Ob es vielleicht Kalan selbst war? Was mochte er um diese Zeit auf seiner Alm suchen? Während Sinah zusah, wie die Gestalt stetig Schritt um Schritt zu ihr emporstieg,  wuchs in ihr eine Beklemmung, die sie sich nicht erklären konnte. Sie stand still wie eine Statue und umklammerte den Hirtenstock, der ihre einzige Waffe darstellte.

Schließlich sah sie, dass dies weder der Müller noch sonst irgendjemand war, den sie aus dem Tal kannte. Diese seltsame Gestalt trug einen schwarzen  Mantel, der bis zum Boden reichte. Lange, spitze Schuhe lugten darunter hervor. Auf dem Kopf saß ein runder, dunkelgrauer Hut mit  einer  geradezu riesenhaften Krempe.  Unter ihm war das Gesicht bis auf eine offenbar recht große Nase im Schatten verborgen.

Sinah unterdrückte den plötzlichen Gedanken, einfach davonzulaufen, fort von dieser unheimlichen Gestalt. So stand sie unschlüssig da und wartete,  bis der Fremde heran war.

Er hatte sie sicher schon längst erblickt und kam gemächlich den Weg herauf. Es war ein Mann, dessen Alter Sinah später vergeblich anzugeben versuchte. Er war alt, sehr alt vielleicht und doch lag auf seinem Gesicht noch ein Ausdruck von Kraft und Energie, die man sonst nur bei Jüngeren vermutet hätte.  Er hatte tatsächlich eine große, fast habichtartige Nase, und unter buschigen Brauen sahen sie dunkle Augen an, deren Blick sie sofort in ihren Bann zogen. Sie wollte etwas sagen, wollte grüßen oder nach seinem Namen fragen, aber sie brachte keinen einzigen Ton über ihre Lippen.

"Du bist Sinah", stellte der Fremde fest. Er verzog dabei keine Miene, seine Augen fixierten das Mädchen, als wolle er es mit einem Bann belegen.

Sinah nickte und presste ihre Lippen zusammen. "Woher wissen Sie das?" wollte sie sagen und: "Was wollen Sie von mir?" Stattdessen senkte sie den Kopf und lauschte einer Stimme tief in ihr, die zu ihr sprach: "Rede nur, wenn du gefragt wirst!"

"Gib mir einen Becher Milch!", befahl der Mann. Wie ein scharfes, kaltes Messer drang dieser Befehl in ihre Ohren.

"Ja", dachte Sinah, "er befiehlt es mir". Sie ließ den Stab sinken, und rannte zur Hütte, um das Geforderte zu holen. "Warum tue ich das?", dachte sie zugleich, "warum gehorche ich ihm?" Zitternd füllte sie ihren eigenen Holzbecher mit Ziegenmilch und verschüttete dabei mehr als sie hineinbrachte.

Der fremde Mann nahm den Becher ohne ein Wort des Dankes und trank ihn in einem Zug aus. Danach warf er ihn achtlos zur Seite, trat noch dichter an Sinah heran und fragte: "Wer wohnt hier sonst noch in der Gegend?" 

"Niemand", hörte sich Sinah antworten, "Ich wohne allein hier!"

„Ich kann wieder sprechen!“, dachte sie dabei voller Verwunderung.  Der Fremde aber sah sie mit einem Blick an, der ihr durch alle Glieder fuhr. "Wer wohnt hier sonst noch?", fragte er leise und eindringlich. Sinah spürte eine zwingende Macht, die von ihm ausging, zugleich aber wuchs in ihr ein Widerwille gegen diesen Zwang. Ja, sie kannte noch einen, der hier oben sein verborgenes Leben führte und von niemandem gestört werden wollte. Sie dachte an Jacho, den Einsiedler, der jenseits des Bergkammes in einer kleinen Hütte wohnte, die dicht an die Felsen gebaut war. Eines Tages, als Sinah eine ihrer Ziegen suchte, waren sie sich zufällig begegnet - wenn es so etwas wie Zufall gibt auf dieser Welt. Danach war sie manchmal zu ihm hinaufgegangen, hatte den einsamen Mann besucht und seinen Geschichten gelauscht. Immer wieder hatte er Sinah gebeten, niemandem seinen Aufenthaltsort zu verraten. Der alte Einsiedler und das Hirtenmädchen hatten im Laufe der Zeit eine seltsame und kostbare Freundschaft geschlossen.

Sollte sie da ihr Versprechen brechen?  Sie zögerte, aber sie spürte den Zwang, der von diesem Fremden ausging, wie eine Woge höher steigen.

"Es gibt einen Einsiedler, jenseits des Kammes, dort links hinauf", hörte sie jemand sagen und begriff kaum, dass diese Stimme ihr gehörte.

"Du wirst mich führen", sagte der Unheimliche. Sinah drehte und wand sich und plötzlich war ihr, als risse ein Band in ihr entzwei. Sie stampfte mit dem Fuß auf und schrie:

"Nein, das tue ich nicht! Niemals! Niemals!" –  Doch während sie noch schrie, senkte sich etwas wie eine dunkle Wolke über sie und es wurde völlig schwarz um sie her. Sie fühlte sich tiefer und tiefer stürzen, in ein bodenloses, niemals endendes Loch hinein.

 

Als sie wieder zu sich kam, war sie allein. Sie spürte sofort, dass der Fremde verschwunden war, und konnte doch nicht genau sagen, warum.

Die Erde, auf der sie lag, atmete die Wärme der Sonne, die Grillen zirpten, der Wind raschelte leise in den Gräsern. Sie richtete sich auf und sah, dass die Sonne nur noch eine Handbreit über dem gezackten Bergkamm im Westen stand. Sinah erschrak. Sie musste mehrere Stunden so gelegen haben. Von dem Fremden war tatsächlich nichts mehr zu sehen. Mit einem weiteren Blick bemerkte sie, dass auch ihre Tiere nicht mehr auf den Weiden ringsum standen. Die ganze Schafherde, für die sie verantwortlich war, hatte sich in die Berge zerstreut! Voller Schrecken sprang sie auf, um sich auf die Suche nach den Tieren zu machen.

 

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